Gedichte/Texte

Den Tod unserer Tochter Annika versuche ich mit geschriebenen Worten zu fassen und zu verarbeiten. Alle Texte habe ich nach ihrem Verlust geschrieben. Einen Teil mache ich der Öffentlichkeit zugänglich, um das Spüren der Trauer greifbar zu machen, verstehen zu lernen…

Die Reise

Sie planen eine Reise.

Diese soll wunderschön werden und möglichst nie enden, obwohl sie genau wissen, dass es nicht so sein kann.

Sie sitzen mit ihren Liebsten in einem Abteil.

Sie spüren, fühlen, lachen und streiten sich auch einmal.

Alles ist in eine tiefe Wärme getaucht.

Herrliche Landschaften und karge Täler sausen vorbei.

Plötzlich wird es finstere Nacht im Abteil!

Der Zug bleibt stehen, mitten im tiefsten Tunnel!

Es wird eiskalt und nur noch sie sitzen im Waggon.

Erst sind sie völlig gelähmt, dann kommt die Angst und der furchtbare Schmerz.

Sie schreien nach ihren Liebsten… keine Antwort.

Nun müssen sie überlegen, bevor ihre Gedanken endlos verrücken:

Bleibe ich sitzen, rühre mich nicht und ergebe mich der Dunkelheit?

Oder,

nehme ich den Eingang, der schon deutlich weit zurückliegt, der mich aber auch nach einiger Zeit ins Licht führt,

oder

gehe ich den kürzeren Weg, nämlich den der Sonne, der Wärme entgegen?

Immer Schritt für Schritt an den Schienen entlang?

Ich habe mich bewusst für diesen letzten Schritt entschieden und nahm dabei so viele Mitreisende an die Hand, wie ich fassen konnte.

Meine Erinnerung an diese Reise wurde die erste Zeit von dem Schrecken beherrscht. Doch schon bald tauchten Erinnerungen an die Wärme und Liebe auf, die ein helles Licht zeigten und damit die Dunkelheit deutlich aufhellten

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Trauer

Du spürst dich sitzend, stehend, unter einer Klarsichtglocke.

Abgeschlossen von der Umwelt.

Wattiert, dumpf, leer, isoliert und allein.

Doch draußen pulsiert das Leben, alles geht seinen gewohnten Gang.

Du spürst, es ist Winter. Es ist eiskalt und du frierst furchtbar.

Doch draußen ist ein herrlicher, heißer Sommertag.

Du spürst Schmerzen in allen Gliedern, die du vorher nie gekannt hast.

Doch dein Körper ist gesund.

Du spürst keinen Hunger, keinen Durst.

Doch dein Körper schreit danach.

Du spürst deinen eigenen, inneren Tod.

Doch du lebst!

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Begleitung

Verstorbene begleiten uns so lange, wie wir sie unbedingt brauchen.

Aber erst wenn wir sie “ gehen“ lassen, können sie wirklich frei sein.

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Ein Land, dass wir nicht kennen

Es gibt ein Land, dass wir nicht kennen.

Wo die Vergangenheit lebt, ohne es zu wissen.

Wo es keine Traurigkeit, keinen Schmerz gibt, nur Liebe!

Wo immer die Sonne scheint und jeder so frei ist, wie er sein will.

Dieses Land werden wir alle sehen und uns wiedertreffen, wenn wir es wollen.

Dann versinken wir gemeinsam in eine Gegenwart, ohne Vergangenheit.

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Wiedererkannt

Werde ich dich wiedererkennen?

Ja!

Denn die Seele altert nie.

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Horizont

Wenn wir den Punkt erreichen, wo der Himmel und die Erde sich treffen, sind wir wieder zusammen!

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Gedanken

Deine Haare wehen im Wind.

Dein Lachen schallt heraus.

Du berührst mich, tröstest mich.

Du sagst: „Sei nicht traurig Mamutschka. Sieh , die Sonne scheint schon wieder.“

Ich gehe jeden Tag ein paar Schritte mit dir zusammen.

Mal sind sie schwer, mal unendlich leicht, genau wie die deinigen.

Ich bringe dich zu deinem neuen Heim.

Zu deinem Grab.

Ich liebe dich.

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Frei

Frei wie der Wind, soll deine Seele sein!

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Warten

Wovor soll ich denn Angst haben ?

Du wartest doch auf mich.

Dann werden wir gemeinsam auf die warten, denen es genauso geht wie uns.

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Einsam

Die Menschen sagen, man ist einsam, wenn man mit sich spricht.

Ich bin nicht einsam und alleine.

Du gehst an meiner Seite, auch wenn nur ich dich sehe.

Was trotzdem bleibt, ist eine Sehnsucht und die geht mit.

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Das Foto

Täglich schaue ich in dein Gesicht.

Keine Falte, keine Änderung kann ich entdecken.

Ich werde alt und älter und du schaust mich an, mit deinem strahlenden “ Ich“.

Ich suche das Wissen, ein Zeichen für das Voraus.

Aber soviel ich auch suche, du strahlst von innen heraus.

Es ist schon komisch, ich verändere mich äußerlich, Stück für Stück und schaue täglich in dein Gesicht.

Keine Falte…

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Erloschen

Erloschen,

dein Lachen, dein wunderschönes Gesicht.

Verbrannt,

dein herrlicher Körper.

Versunken,

in einen traumlosen Schlaf.

Aber immer bei mir, höre ich dein Lachen,

sehe dich laufen, toben, lebendig in einer anderen Welt.

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Seelenvogel

Mit dem Tod ist der Körper für immer verloren.

Die Seele nicht!

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Das Tor

Dort, das schön geschwungene Tor!

Einladend steht die Tür auf.

Herrliche Bäume und Blumen umsäumen den sandigen Boden.

Laufend, lachend, mit wehenden Haaren kommt sie mir entgegen.

Drückt mich ganz flüchtig, so wie es ihre Art ist und setzt sich hinten auf den Gepäckträger meines Fahrrades.

“ Mach dich nicht so schwer, sonst kann ich das Rad ja kaum schieben!“ murmel ich entspannt vor mich hin.

Ich freue mich, sie wieder zu sehen.

Ihre schlanke große Gestalt, ihre gerade Nase, die blauen Augen. Ihren vollen roten Mund.

“ Den hat sie von mir“, denke ich, die Nase vom Papa.“

Am schönsten sind jedoch ihre leuchtend dunkelbraunen Haare. Sie erreichen ungelockt gerade ihre Schulterprtie.

Heute trägt sie sie offen. Nicht wie sonst, als Dutt aufgetürt, oder im Nacken gebunden. Das offene Haar mag ich sehr, denn die Haarsträhnen hopsen bei jedem Sprung, den sie macht.

Sie ist wild und ungestüm. Reißt mir die Blumen aus der Hand, schaut sie ganz kurz an.

Gibt sie mir zurück und ruft schelmisch: “ Ach Mamutschka, das sollst du doch nicht!“ Läuft weiter- und ich schiebe mein Rad vorwärts.

Den Weg kenne ich genau. Die Natur ist hier besonders lieblich. Hier stehen Bäume jeden Alterrs, jeder Sorte. Die schönsten Blumen sind gepflanzt, passend zu jeder Jahreszeit. Die Vögel singen in den schönsten Tönen.

Meine Tochter ist nicht mehr zu sehen. Sie ist hinter der Biegung verschwunden.

Doch ich mache mir keine Sorgen, denn ich weiß immer wo sie ist.

Es ist gut, dass ich keine Angst mehr um sie haben muss.

Endlich,  erreiche ich mit behäbigen Schritten eine sonnigen Platz, rote Blechherzen leuchten mir den Weg. Ein kleines

Mädchen, eine weiße Statue, steht schüchtern, behütet von einem Tannenzweig, in kurzer Entfernung.

Jetzt sehe ich meine Tochter wieder!

Lachend, mit offenem Haar und klarem Blick.

Ihr Bildnis festgehalten auf einem in Herzform bearbeiteten Stein.

Rundherum die schönsten Blumen.

In gemeißelter Schrift lese ich ihren Namen und spreche ihn liebevoll aus.

Ruhe umgibt mich und ich schenke ihr meinen bunten Blumenstrauß.

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